Sollen Privatanleger Kapitalvermögen noch vor dem 1.4.2012 veräußern?

Durch das Inkrafttreten der „Kapitalvermögensbesteuerung neu“ mit 1.4.2012 haben Anleger noch etwas Zeit zu entscheiden, Kursverluste bzw. Kursgewinne aus Kapitalvermögen noch in der alten Rechtslage zu realisieren. Der genaue Veräußerungszeitpunkt hat dabei vor allem auf den Steuersatz, die Bemessungsgrundlage und die Verlustausgleichsmöglichkeit Auswirkungen.
Nicht realisierte Kursverluste.
Bei Veräußerung spekulationshängiger Kapitalanlagen vor dem 1.4.2012 ist ein Veräußerungsverlust nur mit anderen Spekulationsüberschüssen des Jahres 2012 ausgleichsfähig. Insbesondere bei Anleihen und Derivaten kann ein Spekulationsgeschäft sogar bis 30.9.2012 vorliegen. Allerdings ist dabei zu beachten, dass ausgleichsfähige Spekulationsüberschüsse auch nach dem 1.4. bzw 30.9.2012 realisiert werden können (zB Veräußerung einer Immobilie innerhalb der Spekulationsfrist). Ein Zuwarten mit der Realisation zumindest bis 1.4.2012 ermöglicht hingegen bei Neubestand von Aktien und Investment- bzw Immobilienfondsanteilen (=Erwerb nach dem 31.12.2010) grundsätzlich einen Verlustausgleich innerhalb der endbesteuerten Kapitaleinkünfte. Durch die bewusste Wahl des Veräußerungszeitpunktes kann bei derartigen Kapitalanlagen im Ergebnis die anzuwendende Verlustausgleichsregelung gewählt werden.

Nicht realisierte Kursgewinne.
Eine Veräußerung spekulationshängiger Kapitalanlagen vor dem 1.4.2012 unterliegt der tariflichen Einkommensteuer in Höhe von bis zu 50%, wobei ein Ausgleich nur mit Spekulationsverlusten des Jahres 2012 möglich ist (allerdings auch mit nach dem 1.4.2012 realisierten Spekulationsverlusten; vgl oben). Ein Zuwarten mit dem Verkauf zumindest bis 1.4.2012 ermöglicht bei Neubestand von Aktien und Investment- bzw Immobilienfondsanteilen eine Reduktion des Steuersatzes (25% anstatt bis zu 50%) sowie grundsätzlich den Verlustausgleich innerhalb der endbesteuerten Kapitaleinkünfte. Allerdings dürfen in diesem Fall allfällige Anschaffungsnebenkosten und Werbungskosten nicht berücksichtigt werden, sodass sich ein höherer Veräußerungsüberschuss ergeben kann.

Sonderfall § 31 EStG Beteiligung.
Eine Beteiligung im Sinne des § 31 EStG ist gemäß derzeitiger Rechtslage – neben bestimmten Sonderfällen – bei einer im Privatvermögen gehaltenen Kapitalgesellschaftsbeteiligung in Höhe von zumindest 1% gegeben. Eine Veräußerung einer derartigen Beteiligung bis 31.3.2012 unterliegt der Besteuerung mit dem halben Durchschnittssteuersatz, welcher zwar naturgemäß unter 25% liegt, jedoch kann aufgrund des sog Schatteneffektes (=Progressionswirkung auf die übrigen Einkünfte des Veräußerers) insgesamt eine höhere Steuerbelastung entstehen. Bis 31.3.2012 realisierte Veräußerungsverluste können nur mit Veräußerungsüberschüssen aus anderen § 31 EStG-Beteiligungen ausgeglichen werden. Bei Veräußerung ab 1.4.2012 ist generell der 25%ige besondere Steuersatz anwendbar; ein Schatteneffekt auf andere Einkünfte besteht nicht. Allerdings dürfen Anschaffungsnebenkosten und Werbungskosten nicht in Ansatz gebracht werden, sodass im Ergebnis ein höherer Veräußerungsüberschuss erzielt wird. Ein allfälliger Verlust ist grundsätzlich innerhalb der endbesteuerten Kapitalerträge ausgleichsfähig.

Sonderfall Zwischenbestand.
Alle nach dem 30.9.2011 und vor dem 1.4.2012 entgeltlich erworbenen Wertpapiere bzw Derivate (ausgenommen Anteile an Körperschaften bzw Investment- und Immobilienfondsanteile) gelten unabhängig von der Behaltedauer bei jeder Veräußerung oder sonstigen Abwicklung als Spekulationsgeschäft. Ein vor 1.4.2012 erzielter Veräußerungsüberschuss unterliegt der tariflichen Einkommensteuer bis zu 50%, während bei Veräußerung ab dem 1.4.2012 der 25%ige besondere Steuersatz zur Anwendung kommt. Bei derartigen Wertpapieren bzw Derivaten wird daher regelmäßig ein Zuwarten mit einer allfälligen Veräußerung bis April 2012 steuerlich zweckmäßig sein. Veräußerungsverluste sollten allgemein mit anderen Spekulationsüberschüssen ausgleichsfähig sein.

Fazit.
Durch die Neuordnung der Kapitalvermögensbesteuerung ergeben sich hinsichtlich der Wahl des steueroptimalen Veräußerungszeitpunktes wesentliche Optimierungspotentiale. Der steuerlich günstigste Veräußerungszeitpunkt hängt dabei von den gesamten steuerlichen Verhältnissen des Investors ab. Die Optimierung ist daher individuell vorzunehmen, erfordert eine Analyse der steuerlichen und außersteuerlichen Rahmenbedingungen und sollte jedenfalls professionell begleitet werden.

 

Christian Wilplinger
cwilplinger@deloitte.at

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